Gleicher Ablauf und doch ganz anders
12 Tage Bikepacking zwischen Atlantik, Allgäu und Alltag
Auf die Fragen, wie denn mein Radreise-Urlaub war, fiel mir diesmal die Antwort irgendwie schwerer. Nachdem ich letztes Jahr voller Begeisterung zurückkam, fühlt es sich dieses Jahr eher „gemischt“ an. Mehr wie eine Wiederholung, aber mit der Erwartung derselben Aufbruch-Stimmung. Klar, kann ja nicht passen. Aber erstmal von Anfang an.
Screenshot: Maplibre | © Komoot | Map data © OpenStreetMap contributors
Ein paar Wochen vorher hatten wir uns auf ein Bikepacking-Wochenende als Vorab-Check aufgemacht und es lief auch alles wunderbar. Nur die lange Rückfahrt mit über 200 km am Stück hat mich diesmal mehr mitgenommen, so dass ich danach erstmal Ruhe geben durfte. So war ich zur großen Radreise zwar soweit wiederhergestellt, nur eben nicht voll fit. Wir haben wieder die Räder in Taschen verpackt und sind mit dem TGV ab München über Paris und Bordeaux nach Arcachon am Atlantik gefahren. Die Taschen haben sich dieses Mal schwerer angefühlt und die Temperaturen über 30 Grad taten ein Übriges.
Erst einmal Meer
Den ersten Tag am Meer haben wir am Strand verbracht. Die meisten stellen sich dabei vor, im Sand zu liegen und zu chillen. Aber nicht mit uns. Wir sind kilometerweit am Wasser entlang spaziert – nur unterbrochen von Schwimmeinlagen im Meer. Und einer Einkehr in einem Strandcafé mit meinem obligatorischen Orangensaft und Espresso – ein liebgewonnenes Ritual in Frankreich.
Aufbruch
Au revoir, Atlantique – und los geht‘s landeinwärts. Wir sind früh morgens aufgebrochen, denn es waren bis zu 40 Grad vorhergesagt. Und es lag eine der längeren Strecken vor uns, da es erstmal flach ins Inland ging. Dafür haben wir die kommenden Bergetappen kürzer geplant.
Unterwegs
Am nächsten Tag wurde es schon hügeliger und wir näherten uns dem Zentralmassiv und der Auvergne. Die Landschaft öffnete sich immer mehr. Menschen und Autos begegneten uns immer seltener. So schön es hier war, so einfacher wurde auch meine Verpflegung unterwegs. Wenn wir überhaupt einmal eine Boulangerie entdeckten, die auch noch gerade geöffnet hatte, stieß meine Frage nach einem Sandwich mit nur Käse – ohne Schinken – meist auf ungläubige Blicke. Ok, dann gab’s eben an manchen Tagen unterwegs trockenes Baguette für mich.
Das Wetter insgesamt war ein Traum. Tagsüber sonnig und angenehm warm. Und nachts kühlte es passend ab. Daher sind wir morgens auch früh gestartet. Obwohl ich kein Morgenmensch bin, hat mir das frühe Klingeln des Weckers nichts ausgemacht und ich bin motiviert aufgestanden. Auf dem Rad blieben wir immer trocken – naja fast, denn am letzten Tag etwa acht Kilometer vor zuhause wurden wir doch tatsächlich noch nass.
Wir waren mit kleinem Gepäck unterwegs und selbst davon habe ich die Hälfte nur spazieren gefahren, wie Regensachen, Windjacke, Wollshirts. Langarmshirt, lange Hose etc.
Zeit für Gedanken
Im Vergleich zum Vorjahr fühlte ich mich unterwegs nicht ganz so fit – oder war das nur meiner verzerrten Erinnerung geschuldet? Immer wieder schmerzten meine Schultern, das Gesäß fühlte sich wund an und die Füße brannten – ok, das lag wahrscheinlich an den Temperaturen um die 30 Grad.
Somit war ich immer wieder herausgefordert, meine Motivation neu zu entdecken und konnte mich weniger nur meinen Gedanken hingeben. Irgendwie fühlte ich eine gewisse Schwere und alles wirkte dichter. Auch kamen von außen – oder zog ich sie an? – ein paar unerwartete Themen, wie das erschwerte Arbeiten mit iPad und wechselnden Locations oder auch nicht so erfreuliche Nachrichten zu familiären Angelegenheiten.
Ich habe die langen Stunden im Sattel genutzt, immer wieder innezuhalten. Zu spüren, was gerade da war, statt es wegzuschieben. Vieles durfte sich unterwegs lösen – manchmal sofort, manchmal erst Tage später. Unterwegs fühlte ich mich manchmal richtig schwermütig und jetzt merke ich, wie viel sich verändert hat.
Große und kleine Momente
Natürlich gab es die großen Momente und Kraftorte unterwegs: die große Düne, der Kratersee Lac Pavin, die großen Flüsse in Frankreich und die Schweizer Seen.
Reflexion zum Alltag
Auch wenn ich’s nicht so empfunden habe, so hatten wir auf der Reise unseren ganz eigenen Alltag: früh aufstehen, packen, Kilometer sammeln, Essenspausen, Unterkunft erreichen, erfrischende Dusche, Wäsche waschen, ausruhen, Lokal zum Abendessen finden, schlafen. Und trotzdem fühlte es sich überhaupt nicht wie Alltag an.
Schon spannend, ich habe es überhaupt nicht lästig oder eintönig empfunden. Ich bin morgens – vor meiner Zeit – leicht und mit Vorfreude auf den Tag aufgestanden.
Ankommen
Seit einer Woche sind wir wieder zuhause und ich merke, dass ich erst jetzt so wirklich ankomme. Anfangs war ich vorwiegend im Widerstand und brauchte einige Transformationsschleifen, um das Ankommen anzunehmen. Gleichzeitig habe ich reflektiert, was ich daraus mitnehmen will und was ich ändern möchte.
Ich merke, dass sich innerlich etwas verschoben hat, die Energie wirkt leichter und angenehm intensiver. Auch empfinde ich mich noch weniger als „Gefangene“ in meinem Alltag und mehr als Beobachterin des Geschehens. Ich freue mich auf alles, was sich daraus entwickelt.
Ich werde immer wieder nach den Eckdaten unserer Tour gefragt. Deshalb hier noch die wichtigsten auf einen Blick:
12 Tage · 1.466 Kilometer · 14.220 Höhenmeter · Frankreich - Schweiz - Deutschland
Was nehme ich mit?
Die Frage, die mich schon eine Weile bewusst beschäftigt und die mich auch unterwegs begleitet hat, ist:
Wie lebe ich ein Leben, das wirklich meins ist?
Eine erste Erkenntnis, die ich umsetze, ist, dass ich mich noch mehr auf Effizienz beim Arbeiten konzentriere und lebendiges Leben zulasse. Ich lebe ein erfülltes Leben mit Arbeitseinheiten – anstatt durch einen Arbeitsalltag zu rennen, in dem ich mir etwas Leben erlaube.
Auch Freiheit hat sich für mich in einem neuen Kleid gezeigt. Oft setzen wir Freiheit mit völliger Spontaneität gleich. Auf der Reise habe ich mich absolut frei gefühlt, trotz klarem Rahmen. Vielleicht hat mir auch gerade die Struktur das Gefühl der Freiheit erlaubt, da ich nicht mit unzähligen Entscheidungen und Organisieren beschäftigt war, sondern mich dem Jetzt hingeben konnte.
Und irgendwie war jeder Tag neu. Der genaue Inhalt war nie planbar. Wetter, Landschaft, Begegnungen, ein Musikabend, ein schöner Platz für die Pause, die Frage „Wo essen wir heute?“ – all das gestaltete sich erst unterwegs.
Offenbar besteht Freiheit darin, wie ich offen und ohne große Erwartungen mit den Gegebenheiten umgehe und das Leben weiterfließen darf. Lebendigkeit zeigt sich dann nicht im großen Abenteuer, sondern in der Bereitschaft, den Tag zu nehmen, wie er kommt.
Es muss nicht alles leicht sein, damit sich das Leben richtig anfühlt.
Fotos: Mandy Ahlendorf, Rudi Kaiser
Screenshot der Route: Maplibre | © Komoot | Map data © OpenStreetMap contributors
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